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Von einer Heimat, die keine mehr ist

Es ist ein seltsames Gefühl wieder im Zug zu sitzen und in die Heimat zu reisen. Aus dem Fenster zu schauen und das Ruhrgebiet hinter sich verschwinden zu sehen – zu sehen wie es langsam eingetauscht wird gegen Felder, Wälder und Flachland. Vor einigen Tagen war es bei mir soweit, dass ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit (es müssen so 6-7 Jahre sein) in den Zug setze und in Richtung Norden fahre – Heimat, das ist Borkum. Da komme ich her, dort bin ich aufgewachsen. Aber auch das Ostfriesland ist Heima – da trinkt man nachmittags schließlich auch schwarzen Tee, da wird auch mit „Moin“ gegrüßt und da ist die Welt noch in Ordnung.

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen diesen Text im Zug zu schreiben, quasi live die gesamten Eindrücke wiedergeben, ich habe mich stattdessen dazu entschieden einfach die Landschaft zu genießen, die stickige Großstadtluft hinter mir zu lassen und zu wissen: es geht in den Norden.
Je nördlicher ich reise, je näher ich dem Meer komme desto mehr beruhige ich mich innerlich. Ich kann innerlich Luft holen und mich erholen, ich komme zur Ruhe und werde zufrieden. All das schreibe ich der Tatsache zu, dass ich jetzt Zuhause bin – dass ich am Meer bin und das Meer das alles macht. Dass ich an einem Ort bin, an dem ich lange Zeit sehr glücklich war, der lange Zeit mein Zuhause war – meine Zuflucht.

Es ist tatsächlich ein seltsames Gefühl, dass mich „da oben“ überkommt – auch wenn ich nicht direkt am Meer war. Wenn ich durch die kleinen ostfriesischen Dörfer fahre, kommt mir alles so bekannt vor. Die roten Ziegelhäuser: in so einem habe ich auch gewohnt! Die vielen Fahrradfahrer: Ich bin auch viel Rad gefahren! Die Sprechweise, das Moin: Moin! So hat man bei uns auch gegrüßt!
Ich fühle mich plötzlich zuhause ohne mich in diesen Orten auszukennen, ohne je dort gewesen zu sein und das obwohl ich nun beinahe 13 Jahre im Ruhrgebiet lebe – und nur 10 auf der Insel gelebt habe.

Warum, warum, warum ist das so? Geht die Gleichung Ostfriesland = Zuhause nur auf, weil ich mich ausschließlich an positive Zeiten erinnere? Ich täte dem Pott unrecht, denn auch hier habe ich so einiges erlebt, an das ich mich erinnern möchte: viele schöne Wochen und Abende, meine Hochzeit, mein erstes Haustier, mein erster gewonnener Wettbewerb. Gerade als Kind hat man meist (hoffentlich) eher wenige negative Erlebnisse – wohingegen im Erwachsenwerden Tragödien passieren: der erste Freund macht Schluss, der Haushund stirbt, die erste 6 in einer Klassenarbeit .. Ist es also ein Naturgesetz, dass für mich das Ruhrgebiet nie das geworden ist, was die Insel war?

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Während meines Kurzurlaubs im Norden bei einer Freundin stelle ich auch fest, dass ich mich zwar unendlich wohl fühle in der Heimat, aber nichts darüber weiß – als plötzlich die Sonne scheint und die Temperaturen steigen wollen wir ans Meer. An einen schönen Sandstrand, mit Badetuch und Möwen – wir finden nur keinen. Auf dem Handy suchen wir auf der Kartenfunktion im Satellitenmodus nach etwas Sand an der Küste und werden partout nicht fündig – wir müssen einen Einwohner fragen.
Da das Meer dann doch zu weit weg ist, muss es eben eine Meerenge tun – genauer gesagt die Ems an einer sehr breiten Stelle. Als wir hinfahren ist es windig (wie am Meer!) und es gibt Wellen (wie am Meer!) aber keinen Sand und keine Möwe.
Einzig einige mutige Touristen die auf Bänken sitzen, die Augen geschlossen haben und tief einatmen – aah, die gute Meeresluft. Aber das ist nicht das Meer.
Plötzlich fühle ich mich verloren – jaja, schon schön hier, aber eben nicht die Nordsee. Stattdessen versuche ich mich mit dem zu begnügen was da ist, trotzdem schaue ich sehnsüchtig in die Richtung in der ich meine geliebte Insel vermute.

Es ist seltsam. Einerseits dieses Heimatgefühl zu spüren und sich wohl zu fühlen, aber andererseits nichts zu wissen über den Ort an dem man gerade ist. Mir ist auch aufgefallen, dass ich über alles was so ansatzweise am Meer ist „Heimat“ sage – es ist dabei völlig egal ob ich nun in Schleswig Holstein bin, in Hamburg oder an einem See an dem auch aus irgendeinem Grund Möwen sind – alles was sich auch ein minifitzelbisschen nach Meer anfühl ist Zuhause. Ist das Selbsttäuschung? Spiele ich mich auf? Bin ich dramatisch?

Nach nur zwei Tagen sitze ich wieder im Zug von Leer nach Wanne-Eickel – ohne Umstieg, ohne kurze Lufthol-Pause geht es vom Ostfriesland zurück in die Mitte des Ruhrgebiet. Ich kann diesmal zusehen wie die Landschaft immer dichter bebaut ist, wie Häuser Wälder ersetzen und zum ersten Mal seit dem Umzug fühle ich mich auf dieser Rückfahrt nicht schlecht. Zum ersten Mal kommen keine Tränen, sogar eine Art Vorfreude.

Am Bahnsteig wartet mein Mann – er hat ein Schild mitgebracht, darauf steht mein Name. Einen Luftballon hat er auch. Mit Einhorn drauf – selbstgemacht. Wir fahren nachhause und dort ist die Wohnung dekoriert – mit Girlanden und Luftballons, die Wohnung ist blitzblank geputzt und auf dem Tisch stehen Pralinen. Das ist schön, sogar sehr schön. Eine gelungene Überraschung.
Natürlich kann mein Mann nicht jedes Mal die Wohnung schrubben und dekorieren wenn ich nach einem Nordseetrip wiederkomme – das wäre zu viel und vor allem würde der Moment an Bedeutung verlieren; das Gefühl jedoch wirklich in ein Zuhause zu kommen war überwältigend. Es ist kein rotes Häusschen, Möwen gibt es auch nicht – aber vertraute Bettwäsche, eine Katze auf dem Sofa und diesen typischen Geruch nach Zuhause den man selbst nicht riechen kann, aber irgendwie ja doch.

Ich habe mich im Leben noch nie so gefreut in eine Wohnung zu kommen, die nicht am Meer liegt, die sogar im Ruhrgebiet ist – gleichzeitig habe ich mich noch nie so willkommen und ruhig gefühlt. Mit Sicherheit kann ich sagen: das lag nicht an der geographischen Ortschaft! Ich bin immer noch ein Inselkind und möchte in Zukunft wieder eines sein.
Das Meer ist wunderschön, aber Zuhause ist nun mal kein Gewässer sondern ein Gefühl.

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