Amigurumi&Häkeln · Häkelblog

Amigurumis – welcher Preis ist fair?

Immer mal wieder erreichen mich im Internet und im realen Leben Anfragen ob ich dieses oder jenes häkeln kann – von simplen Mützen über ausgefallene und/oder große Amigurumis ist alles dabei. Das ist natürlich ein großes Kompliment und freut mich nicht nur, weil ich mir mit den Einnahmen das Hobby (oder wohl eher die Sucht) finanzieren kann. Leider kommt es in Zusammenhang mit diesen Anfragen auch immer wieder zu Diskussionen über den Preis. Das und die Tatsache, dass mich letztens eine Instagramerin gefragt hat welchen Preis ich für angemessen für ein von mir entworfenes Amigurumi halte sind ein Grund mal Klartext zu reden:

Welcher Preis ist angemessen für ein handgefertigtes Amigurumi oder ein anderes Unikat?

Unser Beispiel: Henry – nach einer Anleitung von mir; zu kaufen hier.

Lasst uns doch mal (stark vereinfacht) rechnen: Nehmen wir an, eine Person möchte ein Amigurumi, das aus 6 Farben besteht – von mancher Farbe brauchen wir mehr, von einer anderen nur ganz wenig, nichtsdestotrotz müssen diese Farben gekauft werden. Wir sind nett und „berechnen“ nur die Wolle, von der wir sehr viel brauchen und/oder die wir extra nachkaufen müssen. Sagen wir also, wir müssen 3 Knäuel Wolle kaufen. Bei einem Preis von 2,70 € für Schachenmayr Catania im Einzelhandel macht das schon 8,10 €. Die Füllwatte berechnen wir mal nicht, genauso wenig wie die Häkelnadel und anderes kleines Zubehör. Wir sind schließlich keine große Firma sondern eine Einzelperson und wollen nicht päpstlicher sein als der Papst.
Allerdings kostet unser Amigurumi Zeit – Zeit in der wir etwas anderes machen (und damit meine ich etwas anderes häkeln) könnten. Zeit, die wir uns nehmen um ein Tierchen für jemanden zu machen. Von mir aus auch Arbeitszeit. Der Mindestlohn beträgt in Deutschland  8,84 € und wir arbeiten an unserem Amigurumi – mit Sticken und Vernähen – 8 Stunden; das macht einen Verdienst von 70,72 €. Zusammen mit den Wollkosten müssten wir also schon 78,82 € verlangen – aufgerundet also 80€. Die ganze Liebe, Mühe, Hingabe und das Talent kann man nicht berechnen (mir blutet zum Beispiel immer ein klein wenig das Herz wenn ich eines meiner Tierchen verschicke ..).
Das Problem ist, dass kaum eine Person diesen Preis zahlen möchte oder zahlen kann. Mit anderen Worten: die meisten Häkelsachen werden also unter Wert verkauft.
Das ist traurig – in unserer Gesellschaft allerdings normal. Wenn man in einen Spielwarenladen  geht, findet man dort Kuscheltiere in doppelter Größe für ein Drittel des Preises.

Mich hat einmal eine Frau gefragt ob ich ihrer Tochter drei Einhörner häkeln kann – die besagten Einhörner sind über 40 cm groß und dauern ziemlich lange – ich habe ihr vorgeschlagen diese Einhörner für insgesamt 120 Euro zu verkaufen.
Es entstand eine ziemlich lange und ermüdende Diskussion über ihre Preisvorstellungen – nämlich 40 Euro für alle drei – und am Ende einigten wir uns auf meinen (immer noch viel zu niedrigen) Preis. Sie hat nie überwiesen und mich danach auf allen Kanälen blockiert.

Das besagte Einhorn.

Als ich im Familienkreis davon berichtet habe – natürlich sehr empört – hat mir eine Verwandte vorgeschlagen mal im Freundeskreis rumzufragen; für dieses Angebot war ich zunächst sehr dankbar, bis diese Personen ihre Preisvorstellungen äußerten.

10 € für eine Schnuffeltuch, aber bitte in ganz bunt und am Besten schon gestern, bittedanke. 15 € seien schon vieeeel zu viel und da kauft man lieber eines im Geschäft. Da kostet es nämlich nur 12,99 € – und wurde von unterbezahlten Menschen und Maschinen im asiatischen Raum hergestellt anstatt in der Nachbarstadt mit Unterstützung des lokalen Einzelhandels. Ein Zitat: „Es ist doch besser du verkaufst die Sachen unter Wert als gar nicht!“ NEIN! Ich liebe jedes einzelne meiner Amigurumis und ich möchte sie nicht an Menschen verkaufen, die den Wert so gar nicht zu schätzen wissen und für die ich nur eine günstigere Alternative zum Discounter bin!

Das war der für mich persönlich der Punkt an dem ich beschlossen habe, nicht mehr großartig zu verhandeln – dadurch habe ich einige Aufträge nicht mehr bekommen, aber gleichzeitig viele Menschen getroffen, die den Wert von Handarbeit wirklich zu schätzen wissen. Komischerweise sind das meisten die Menschen, die selber ein Hobby im Handarbeitsbereich haben – also zum Beispiel Nähen oder Knüpfen, etc.
Was ich versuche mit diesem Beitrag zu sagen: Du wirst vermutlich niemals den wahren Wert ausgezahlt bekommen – damit musst Du dich abfinden. Ob Du das tust indem Du deine Amigurumis nicht mehr verkaufst oder eben unter Wert bleibt dir überlassen; behalte bitte nur im Hinterkopf, dass du nichts verkaufen musst – du musst niemandem hinterherlaufen und günstiger sein als Geschäft X. Bleib bei deinem Preis und leg ihn selbst fest – ganz egal ob Du dadurch günstiger oder teurer bist als eine Person – denn mal Hand aufs Herz, du wirst weiter häkeln, auch wenn dein Handgemachtes nicht verkauft wird, oder? (;

Jetzt interessiert es mich aber brennend, welche Anfragen ihr schon bekommen habt – was war eurer dreistestes Angebot, was war euer skurrilstes Erlebnis? Lasst es mich in den Kommentaren wissen! 

 

 

 

7 Kommentare zu „Amigurumis – welcher Preis ist fair?

  1. Hallo Martyna!

    Um mir diesen Preiskampf zu ersparen, verschenke ich gehäkelte Sachen eigentlich nur. Nach dem Motto: Häkelsachen sind wie Sex – wenn ich dich genug liebe, kriegst du es umsonst – wenn nicht, kannst du es dir nicht leisten! *hihi*

    Hab erst für eine Freundin zu ihrem ersten Baby eine Decke mit passendem kleinen Polsterchen und ein Stofftier gehäkelt. Eigentlich wollte ich noch ein Schmusetuch dazumachen, hab aber zufällig in so einem Billig-Laden, der gerade bei uns eröffnet hat (in dem ich eigentlich nur wegen der günstigen Wolle war) eins um 3.- gesehen! Das ist superweich und flauschig und total niedlich – da hab ich es doch glatt als „alte Häkeltante“ gekauft statt eins zu machen!

    LG Sandra

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  2. Toller Beitrag und bringt es auf den Punkt. Ich persönlich lehne Auftragsarbeiten meistens ab, auch deshalb weil ich mit dem Preis oft unsicher bin oder dann auch „unter Wert“ verkaufen würde. Ich mache daher nur Sachen für Familie und gute Freunde zum Verschenken….und natürlich das meiste für mich selbst ;-). LG Kaddi

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  3. Hallo Martyna!:-)
    Mir geht es da wie Sandra. Eigentlich ist das, was man mit viel Liebe und Zeitaufwand selbst gemacht hat, nicht mit Geld zu bezahlen. Ich habe im letzten Jahr 2 Weihnachtskalender gehäkelt. Bei dem einen wurde ich gefragt und da wir uns immer gegenseitig helfen, egal was ist, habe ich nur den Materialwert verlangt. Beim 2. wollte ich nix haben. Es hat mir einfach Spaß gemacht, etwas neues auszuprobieren.und ich bin daran gewachsen. Außerdem wusste ich, das dort wo ich es hingegeben habe, Handarbeiten geschätzt werden und derjenige weiß, wie viel Zeit, Mühe und Arbeit in so etwas steckt.
    Liebe Grüße aus Erfurt
    Petra

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  4. Hallo Martyna,
    ja, das ist immer ein Problem mit der Preisfindung, aber mittlerweile habe ich da so eine kleine Richtschnur was Größe der Tiere/Puppen und Ausstattung betrifft.
    Unverschämt fand ich, als ich auf einem Kunsthandwerkermarkt ausstellte und eine Kundin meinen Preis für eine kleine genähte Kosmetiktasche mit gehäkelter Klappe für zu teuer hielt (14,– €!) Auf meine Erklärung, dass das ja Handarbeit wäre meinte sie nur, ja ja, das mache ich auch, es ist trotzdem zu teuer. Was soll man dazu noch sagen???
    LG Sabine
    PS: Danke schöne für die Anleitung vom Igel! Und für die anderen :O))

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    1. Liebe Sabine,
      Danke für deinen Kommentar – ich glaube ja, dass es immer irgendwen geben wird, der etwas zu meckern hat – gut so, so sortieren sich die Menschen von allein aus der „Kundenliste“ – und mal ehrlich, wer selbst handarbeitet, der weiß was das für ein riesiger Aufwand ist. 14 Euro ist jetzt kein besonderers hoher Preis – ich hoffe du hast noch ein Zuhause für die Kosmetiktasche gefunden ❤

      Ich freue mich sehr, dass dir meine Anleitungen gefallen! Liebe Grüße, Martyna

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  5. Hallo liebe Martyna, danke für deinen ehrlichen Beitrag! Ich habe mir das „Verkaufen“ schon als ich noch genäht habe abgewöhnt. Eben auch aus deinen besagten Erfahrungen. Bin auch schon auf „bestelltem“ sitzen geblieben oder ich musste mich für meine Preise (die auch unter Wert waren) rechtfertigen. Bei meinem neuen Hobby das Häkeln, fange ich das Verkaufen gar nicht erst an. Meine Freunde/Bekannte dürfen Wünsche zu Geburstag/ Weihnachten etc äußern (oder ich überrasche sie)!!! Ich verschenke gerne, das kommt von Herzen!!! 💞 LG Natascha

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  6. Hallo, schöner Blog.
    Ich bin auch der Meinung das die Arbeitszeit einfach nicht bezahlt werden kann die in einem Amigurumi steckt. Darum mache ich bis jetzt nur Auftragsarbeiten für Freunde und Bekannte zum Freundschaftspreis bzw. verschenke Sachen. Seid ich erfahren habe das ich zum Verkaufen meine Figuren außerdem nach CE-Norm prüfen müsste ist mir ohnehin die Lust darauf vergangen 😦 Sollte ich irgendwann Sachen wirklich verkaufen wollen wird es wohl eher gestrickte Babykleidung werden.
    Liebe Grüße, Steffi

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