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Häkelanleitungen sind viel zu teuer!

Das lese ich so immer und immer wieder in Häkelgruppen bei Facebook – die Gespräche laufen dann in etwa so ab:

A: Kann mir jemand eine schöne Häkelanleitung für eine Meerjungfrau empfehlen?
B, C, D: *posten einen Link zu einer Anleitung für eine Meerjungfrau*
A: Danke, aber im Ernst: 5 Euro sind mit dann doch viel zu teuer für eine Anleitung, die ich wahrscheinlich nur einmal benutzen werde..

Oft geht es dann so weiter, dass Person A fragt ob nicht zufällig jemand diese Anleitung besitzt und tauschen oder sogar günstiger weiterverkaufen mag – das ist nicht nur Diebstahl, strafbar und unfassbar respektlos sondern auch ein ganz großes Thema für sich, dem ich sicher bald einen eigenen Beitrag widmen werde.

Hier soll es aber um diesen einen Satz gehen: 5 Euro sind mir viel zu teuer für eine Häkelanleitung […]. Einige Male habe ich auch gelesen, dass jemand kein Geld für eine Anleitung ausgeben möchte, weil sich der Designer damit ja eine goldene Nase verdienen würde (wer kennt sie nicht: die Häkeldesigner die einem mit ihren blöden, vergoldeten Porsches und Maseratis den letzten Parkplatz in der Stadt wegschnappen ..!).
Dass es tatsächlich Menschen gibt die denken, dass man sich mit dem Verkauf von Häkelanleitungen eine Privatinsel anschaffen kann finde ich wirklich schockierend.
Mein erster Ausflug in das Häkelbusiness war ein Shop bei Etsy: ich hatte voller Elan gestartet, mit einigen Verkäufen gerechnet und am Ende war ich einfach nur deprimiert. Ich bin nicht die Einzige, der es so ging. Sicherlich gibt es Menschen, die sich mit ihren Anleitungen selbstständig machen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten können – das ist aber die absolute Ausnahme. Viele Häkeldesigner haben reguläre Jobs, eine Familie, Freunde und machen das alles nur aus Spaß und für ein kleines (und oft sehr kleines) Taschengeld.
Ich verstehe auch die Menschen, die keine 5 (oder 6) Euro für eine Häkelanleitung ausgeben wollen – und das ist okay so. Es besteht nämlich kein Zwang eine Anleitung zu kaufen. Es gibt genug kostenfreie Anleitungen und es steht einem frei einfach mal selbst loszulegen.
Was ich nicht verstehen kann: Menschen, die sich darüber aufregen wie teuer ja so eine Anleitung ist. Ich hab da eine Frage: Habt ihr eigentlich eine Ahnung wie viel Arbeit so eine Häkelanleitung macht? Nein? Also hier der ultimative Guide: Wie eine Häkelanleitung entsteht:

  1. Zunächst musst du Häkeln können. Ja, diesen Punkt liste ich auf, auch wenn klar ist, dass man häkeln können sollte um eine Anleitung zu schreiben; es war schließlich eine Menge Arbeit und Zeit bis man ein gewisses Skill-Level erreicht hat. Und dazwischen: Fehlschläge, abgebrochene Häkelnadeln, viel Geld für Wolle.
  2. Du brauchst eine Idee: diese Idee sollte möglichst kreativ sein, du möchtest schließlich einen eigenen Stil bzw eine eigene Handschrit haben. Und: du willst niemanden kopieren.
  3. Du musst (zumindest weiß ich, dass viele das so machen) die Idee erstmal zeichnen. Nicht so toll, wenn du darin so begabt bist wie ein norwegischer Lachs (also wie ich..), aber so verschwindet die Idee nicht einfach.
  4. Lass das Häkeln beginnen! Wenn du Glück hast, dann kannst du deine Idee direkt beim ersten Versuch so umsetzen wie du sie dir gedacht hast. Wenn du kein Glück hast .. dann heißt es aufribbeln. Immer und immer wieder. Bis du Erfolg hast.
  5. Hast du mitgeschrieben? Ja? Cool. Nein? Dann musst du nun alles einzeln nachzählen und zu Papier bringen.
  6. Deine Anleitung ist geschrieben – zumindest analog. Nun wirst du dein Amigurumi noch ein zweites Mal häkeln müssen: Du brauchst Schritt-für-Schritt Fotos und außerdem möchtest du vielleicht überprüfen wie dein Amigurumi meiner anderer Wolle oder anderen Farben aussieht?
  7. Jetzt geht es ans digitalisieren. Wahrscheinlich bei Word – und jeder der dieses Programm schon einmal geöfffnet und benutzt hat, weiß: nur ein falscher Mausklick und dein ganzes Layout ist hinüber. Wenn du Pech hast, löst du zufällig eine Kontinentalplatenverschiebung aus. Man weiß nie.
  8. Nach dem ganzen Word-Stress brauchst du Menschen, die deine Häkelanleitung testen: du musst einen Aufru starten oder eine kleine Community bitten deine Anleitug zu testen. Oft melden sich viele, viele Menschen auf so einen Testhäkleraufruf und du musst alle Profile durchforsten und dich für einige Menschen entscheiden. Ich habe meistens 5-8 Tester.
  9. Die Anleitung wird nun an deine Tester verschickt: Jeder bekommt eine Mail und macht sich ans Werk. Es ist mir bisher nur zwei Mal passiert, aber es kommt vor, dass jemand deine Anleitung nicht testet – die Gründe sind manchmal plausibel, aber manchmal auch schleierhaft. Das bedeutet für dich: Hinterherlaufen und nachfragen, dich eventuell ärgern.
  10. Meistens sind Testhäkler aber sehr zuverlässig und machen eine tolle Arbeit. Sie schreiben dir ihr Feedback und du musst jede Mail durchgehen, die gefunden Fehler in deiner Anleitung korrigieren. Vielleicht häkelst du dein Amigurumi nun selbst zum dritten Mal, damit du schaust ob du deiner eigenen Anleitung folgen kannst.
  11. Fast fertig – deine Anleitung muss nur noch auf deinem Blog oder in deinem Online-Shop hochgeladen werden. Dass dieser Shop ebenfalls Pflege, ein Kleingewerbe und viel Zeit benötigt spare ich mir mal an dieser Stelle ^^
  12. Deine Anleitung ist nun hochgeladen – wuuuuhu! Sehr gut. Jetzt kannst du sie bewerben: Instagram, Facebok, Twitter (und weiß der Geier wo noch..).

Ihr seht: eine Häkelanleitung ist mehr Arbeit als man denken mag. Zumal es Anleitungen gibt, die extremst aufwendig sind – so habe ich vor einigen Tagen bei einer sehr begabten Häkeldesignerin gesehen, dass sie in ihrer neuesten Anleitung über 100 (!) Bilder hat – und sie ist noch nicht fertig. Das bedeutet im Übrigen, dass sie 100 Bilder ausgewählt und bearbeitet hat – wie viele sie also wirklich machen musste, steht in den Sternen.

Aber da wäre ja noch was; wenn man so eine Anleitung für – sagen wir mal – 5 Euro verkauft, dann bekommt man nicht pro verkaufter Anleitung auch wirklich 5 Euro. Sondern eher so 3,5 Euro. Wieso? Nun, viele Portale für Häkelanleitungen (Crazypatterns, Etsy, Myboshi, Ravelry ..) verlagen nicht nur eine Einstellungsgebühr sondern auch eine Beteiligung am Verkauf – wohlgemerkt: pro verkaufter Anleitung. Dann gibt es da noch die Shop-Gebühren, und und und .. Ich muss zugeben, dass ich diese Thematik nicht komplett vertieft habe; jeder Shop ist da ja unterschiedlich – nichtsdestotrotz gibt es im Leben nichts umsonst. Wenn man also 5 Euro für eine Anleitung zahlt, bekommt der Designer noch laaaange keine 5 Euro – schwuppdiwupp – auf sein Konto überwiesen. Übrigens verkaufe ich meine Anleitungen für 2,75 – was ich am Ende auf dem Konto sehe? 150 cent pro Anleitung. Oder auch: Eine Kugel Eis.
„Ja, aber, wenn 100 Leute eine Anleitung kaufen, dann macht das abzüglich der Gebühren doch trotzdem noch .. 350 Euro!“ – Das stimmt. Allerdings ist es nicht so, dass wir Häkeldesigner eine Anleitung irgendwo hochladen und sofort stürzen sich 100 Häkelsüchtige auf unsere Shops und kaufen die Anleitung.. Es dauert oft wochen- ja sogar monatelang um einige Verkäufe zu haben. Manche erreichen diese 100 Leute nie (oder nur sehr langsam). Es gibt nämlich immer noch genug Portale (und ich nenne jetzt keine namentlich) die Raubkopien für weniger Geld oder für lau verscherbeln, Menschen in sozialen Netzwerken, die die Anleitung verschenken oder, oder, oder.
Wenn man in einem Jahr 100 Verkäufe hat und somit 350 Euro verdient, dann macht das auf den Monat gerechnet ungefähr 29 Euro – das ist nicht wenig Geld und besser 29 Euro als gar nichts, aber eine wirklich große Summe ist das nicht: In meiner Stadt gibt es kein Monatsticket, das so wenig kostet. Für Strom zahle ich auch mehr und wenn ich von dem Geld eine Freundin ins Kino einlade, ist es restlos weg.
Was ich sagen will: niemand verdient sich eine goldene Nase mit Häkeldesign und anstatt über die Preise zu meckern sollte man doch lieber dankbar sein, dass es so viele Menschen gibt, die ihre Kunst mit anderen teilen ❤

Ich freue mich sehr über jede einzelne Meinung in den Kommentaren – also immer her damit!

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8 Kommentare zu „Häkelanleitungen sind viel zu teuer!

  1. Toller Artikel! Danke… Und ich sag ganz ehrlich – wenn ich eine Anleitung für eine Meerjungfrau, Einhorn oder süßes Hündchen suche und benötige – gebe ich gern 5 Euro aus! Die kommt dann in meine Sammlung und irgendwann hab ich mein eigenes AnleitungsArchiv 😊 …
    Ausserdem müsste Jede/Jeder wissen, dass eine Anleitung erstellen, eigentlich mehr Arbeit macht als das „Mini“ häkeln…
    Das natürlich nur ein Eis herausspringt, ist nicht so schön! Zwei Kugeln sollten für einen Designer bitte mindestens drinnen sein 🍦🍧🍨!

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  2. Ich schrecke immer noch davor zurück, mal eine Kaufanleitung zu schreiben, weil ich mich grün und blau ärgern würde, wenn sie plötzlich kostenlos irgendwo geteilt wird.
    Habe sogar schon mal auf einer ominösen Seite einige meiner eigenen (kostenlosen!) Anleitungen gesehen, die man dort mit irgendwelchen „Coins“ kaufen kann. Keine Ahnung, wie das funktioniert, aber echt frech!

    Liebe Grüße,
    Sandra =)

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  3. Sehr aufschlussreich der Artikel danke! Echt frech, dass manche Leute 5 Euro für eine Häkelanleitung als viel Geld empfinden … am aller liebsten hätte ich, dass meine liebsten Häkeldesigner ein Gesamtwerk mit allen ihrer Anleitungen als Buch oder auch als Download ausgeben – und glaub mir dafür würde ich viel Geld bezahlen 🙂 Schönen Tag! Alles Liebe, Daniela

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  4. Genauso ist es und nicht anders! Besonders dreist empfinde ich dann, wenn jmd über dm versucht sie kostenlos zu erhalten. So nach dem Motto stell dich nicht so an, wir Strickerinnen / Häklerinnen müssen doch zusammen halten…

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  5. Liebe Martyna!
    Alle die, die solch einen Nonsens schreiben, haben überhaupt keine Ahnung wieviele Arbeitsstunden in solchen Anleitungen, die selbst der Handarbeitsanfänger verstehen und auch nachvollziehen kann, steckt. Und wenn man so eine Anleitung erworben hat, und irgendwo bei den Erklärungen auf dem Schlauch steht, kann man, auf Anfrage beim Verkäufer noch zusätzlich Tipps bekommen, die niemand bezahlen muss. Ihr alle, die ihr uns teilhaben lasst an eurem kreativen Schaffen, habt meinen größten Respekt. Und wenn ich meine, dass ich unbedingt diese oder jene Anleitung haben muss, dann muss ich halt dafür zahlen und 5€ für ne Anleitung mit vielen erklärenden Texten und Bildern sind keineswegs zuviel! Es ist doch mein Problem, wenn ich die Anleitung nur einmal nutze …
    Liebe Grüße aus Erfurt
    Petra Herzog

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  6. Ich kann beide Seiten nachvollziehen.
    Selbstverständlich ist es viel Arbeit eine Anleitung zu erstellen und man hat nicht mit einem Schlag hunderte von Käufern. Es dauert eine ganze Weile, bis sich die Mühe annähernd rentiert hat und man sich einen „Namen gemacht“ hat und neue Anleitungen fast ein Selbstläufer sind.

    Aber als Kunde weiß man oft nicht, was man erhält, vor allem wenn es die erste Anleitung des Designers ist und es eben noch nicht viele Bewertungen gibt. Die qualitativen Unterschiede sind ja doch enorm. Und wenn ich dann im Laden ein Buch mit ca. 15 Anleitungen für 12,95€ sehe frage ich mich dann auch, warum ich für eine Anleitung, die ich sogar noch selbst drucken muss, so viel mehr ausgeben soll.

    Meine persönliche Schmerzgrenze liegt bei 3€, mehr gebe ich nur in besonderen Fällen aus und wenn die Anleitung dann schon einige gute Bewertungen hat. Ich hab mich halt auch schon mal über eine „teure“ Anleitung geärgert, die einfach nicht die Erwartungen, die ich angesichts des Preises hatte, erfüllt hat. Für den halben Preis hätte ich sie wiederum vollkommen ausreichend gefunden.
    Aber auch das ist am Ende subjektives Empfinden. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er bereit ist zu zahlen.

    Das betteln nach Anleitungen finde ich allerdings auch unterste Schublade…

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